Erfahrungsbericht - Gründungsberater

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Erfahrungsberichte

Kanzleigründung und –finanzierung
von Gründungsberaterin Peggy Schmidt

Vorbemerkung

Der größte Teil der Absolventen der Rechtswissenschaften wird - manchmal auch notgedrungen - als Rechtsanwalt selbständig.

Nach einschlägigen Statistiken liegt der Jahresumsatz bei einem Teil der selbständigen Anwälte unter 20.000 EUR, etwa 16% geben ihre Zulassung sogar wieder zurück. Damit wird deutlich, dass eine Selbständigkeit nicht von alleine läuft. Mehr als die Hälfte der Existenzgründungen (über alle Bereiche gesehen) scheitert, weil

  1. die Finanzierungsplanung nicht nachhaltig ausgearbeitet wurde;

  2. weil die Eigenkapitaldecke zu dünn ist oder

  3. weil nicht genügend betriebswirtschaftliche Kenntnisse vorhanden sind.

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass es eine Vielzahl von Existenzgründungsberatern gibt, aber nur wenige, die die ehem. Gründer auch noch nach dem 1., 2. oder 3. Jahr weiterbetreuen. Bei einer Existenzgründung dauert es im Schnitt 3 Jahre bis ein wirklich nachhaltig tragfähiges Unternehmen aufgebaut ist.

Meine Erfahrung zeigt aber auch, dass es Gründer gibt, die aufgrund ihrer hervorragenden Unternehmereigenschaften und weil Sie besonders „umtriebig” sind, schon im ersten oder zweiten Jahr ein Unternehmen aufbauen, von dem sie gut leben können.

Zu jeder Unternehmensgründung gehört zwingend, dass man sich vorab Gedanken zur Unternehmung macht und sich seinen Businessplan nebst Liquiditäts- und Rentabilitätsplanung erarbeitet. Weil genau dies in nicht seltenen Fällen eben gerade nicht passiert scheitern Existenzgründungen.

Was also macht ein erfolgreiches Unternehmen aus?

Wie umschifft man die Klippen „Unterfinanzierung”, „Liquiditätsengpaß” und „betriebswirtschaftliches Mangelwissen”?

Sicherlich hilft gegen letzteres sich mal für ein paar Stunden in die betriebswirtschaftliche Bibliothek zurückzuziehen, mit erfolgreichen Selbständigen einen Plausch zu halten oder sich externe Hilfe durch einen betriebswirtschaftlichen Berater zu organisieren. In jedem Fall sollte ein ernsthaftes Interesse an den betriebswirtschaftlichen Fragestellungen vorliegen.

Die beiden erstgenannten Herausforderungen lassen sich jedoch nur durch eine vernünftige Planung im Vorfeld umgehen. Dabei geht es weder darum, sich reich zu rechnen noch darum mit irgendwelchen Fantasievorstellungen zu planen. Hier hilft einzig eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten sowie des Marktumfeldes, der Konkurrenz und der Entwicklungsmöglichkeiten.

Neben diesen Herausforderungen auf Tatsachenebene gilt es, sich vorab Gedanken zu machen, wie die Finanzierung aussehen kann. In der Regel benötigt man auch einen Finanzierungspartner. Dies sind regelmäßig Banken. Diese gilt es zu überzeugen, dass es sich um eine tragfähige, nachhaltige Unternehmung handelt. Letztlich interessieren den Banker nur die Zahlen. Ein Unternehmen ist dann erfolgversprechend und ein Partner, wenn der Break-even-Point in absehbarer Zeit erreicht wird/ werden kann.

Wie also plant und finanziert man eine Kanzlei?

Wie gehe ich an die Planung heran? Wie schaffe ich es den Banker vom Erfolg meines Vorhabens zu überzeugen, so dass er mir Geld leiht?

Sicherlich sind zunächst einmal die Neugründung einer Einmann-Kanzlei und die Übernahme einer bestehenden Kanzlei oder gar so genannte Spin-offs von einander zu unterscheiden. Dies liegt daran, dass die Vorhaben vom Ausgangspunkt her schon einen unterschiedlichen Finanzierungsbedarf haben. Es macht logischerweise einen Unterschied in den Gründungskosten, ob ein Mandantenstamm übernommen wird oder man ihn sich quasi von „Null” selbst aufbaut. Diese Differenzierung wird relevant, wenn es um die Beschaffung von Fremdkapital geht. Einmann-Kanzleien sind häufig über eigene Rücklagen oder Verwandtendarlehen finanzierbar. Sinnvollerweise sollten aber auch bei diesen Kanzleien die Schwankungen in den Einnahmen berücksichtigt werden. Aufgefangen werden können solche Schwankungen durch so genannte Kontokorrentlinien, die auf dem Geschäftskonto eingeräumt werden, vorausgesetzt der Banker hält das Unternehmen in angemessener Zeit für tragfähig. Diese Linien entsprechen im Prinzip dem Dispo auf dem Privatkonto.

Aus meinen Erfahrungen finanzieren Hausbanken nur zum Teil Kanzleigründungen. Zum Einen reicht der Finanzierungsbedarf nicht aus – was erst mal komisch klingt aber in Tat so ist. Zum Anderen kennen auch Banken die obigen Zahlen der gescheiterten Existenzgründungen. Die Commerzbank, die Deutsche Bank, Sparkassen und Volksbanken sowie die DKB sind Finanzierungsvorhaben meiner Erfahrung nach aufgeschlossen.

Der Ausgangspunkt der Gründungsvorbereitungen ist bei allen Existenzgründungen gleich:

Am Anfang steht die VISION.

Jeder Existenzgründer hat sich vorab zu fragen, was GENAU will er mit SEINEM Unternehmen erreichen. Was ist das Große Ganze, was man damit verkörpern möchte? Hilfreich ist dabei die Frage, wo man in 5 Jahren stehen möchte und was man in 10 Jahren erreicht haben möchte. Hier geht es vor allem darum, mal seinen Traum zu definieren. Wer sind die Zielgruppen, also welche Art von Mandaten möchte man betreuen, wo soll der so genannte USP liegen (unique selling proposition) – was ist das ALLEINSTELLUNGSMERKMAL der Kanzlei. Was unterscheidet einen von allen anderen, warum sollen die Mandanten gerade zu mir kommen? Es spielt auch durchaus eine wichtige Rolle, wieviel man mit dem Unternehmen verdienen möchte.

Die nächste Frage ist dann ganz einfach: Wie schaffe ich das jetzt konkret?

Es gilt also nun Zwischenziele (so genannte Milestones) zu definieren. Diese sind dann auf das Jahr, auf die Quartale und letztlich auf Monate herunterzubrechen. Das ist letztlich das, was ein Banker sehen will, damit er entscheiden kann, ob er ein wirtschaftlich tragfähiges Vorhaben auf dem Tisch hat, bei dem die Bank das geliehene Geld zurück bekommt.

Wie ermittelt man Zwischenziele?

Für viele meiner Existenzgründer erscheint diese Frage wie ein Blick in die „Glaskugel” und ich höre häufig den Einwand: „das kann ich doch gar nicht voraussagen, ich weiß doch gar nicht, was ich für Fälle bekomme….” Das ist natürlich ein völlig richtiger Einwand. Aber an dieser Stelle geht es NICHT um eine Zukunftsvorhersage. Es geht vielmehr darum, zu planen, was man tun muß, um am Ende ein Plus auf dem Konto zu haben. Daher empfehle ich, das Pferd von hinten aufzuzäumen.

Das heißt, dass jeder Gründer sich zunächst einmal seine privaten Lebenshaltungskosten ansehen muß. Was braucht er um den Kühlschrank zu füllen? Was kostet wohnen? Welche Versicherungen – insbesondere Absicherungen gegen Krankheit und Einkommensverlust aufgrund Krankheit (gesichert durch Krankentagegeld und BU-Rente) – müssen gezahlt werden? Was ist dem Versorgungswerk zu zahlen (hier greift bei Existenzgründungen eine Sonderregelung, nach der nur der Mindestbeitrag fällig wird)? Letztlich müssen durch das Unternehmen die privaten Fixkosten und die variablen Kosten gedeckt werden. Am Anfang wird man in diesem Bereich sicher eher zurückhaltender planen (müssen). Jedenfalls ergibt sich daraus eine Mindestumsatzvariante.

Im zweiten Schritt sind die laufenden betrieblichen Kosten zu ermitteln. Dazu gehören Büromiete und Nebenkosten, Büromaterial, Porto, Kommunikationskosten, ggf. Personalkosten.

Beide Kostenblöcke kumuliert ergeben den Mindestumsatz, der durch die Kanzlei eingefahren werden muss.

Im nächsten Schritt ist nun zu überlegen, welche unternehmerische Tätigkeiten man entfalten will. Als Anwalt wird das sicherlich Mandatsbearbeitung sein. Welche Art von Mandaten, was sind die Streitwerte (wie hoch sind sie im Durchschnitt), welche Gebühren ergeben sich daraus. Hier lohnt ein Gespräch mit erfahrenen Kollegen, die einem diesbezüglich sicher Planungsgrößen geben können. Ferner können das auch Beratungshonorare sein oder Einnahmen aus Lehrtätigkeiten oder ähnliches.

Ausgangspunkt für diesen Schritt sind also Überlegungen, womit sich wie viel Geld verdienen lässt. Da man zum Einen die Sollgröße (den Kostenblock) kennt und man sich zum Anderen erarbeitet hat, wie viel Geld die einzelne ,unternehmerische Betätigung einbringt, kann man nunmehr berechnen, wie viele Mandate man pro Monat akquirieren muss, um einen bestimmten Umsatz zu erreichen. Ist man förderfähig, werden anfangs natürlich auch die Einnahmen aus der staatlichen Unterstützung eingerechnet.

Staatliche Förderungen von Existenzgründungsvorhaben

  1. Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit

    Jeder Gründer kann, war er vorher mit Anspruch auf Arbeitslosengeld angestellt, den so genannten Gründungszuschuss nach § 57 Sozialgesetzbuch III beantragen. In der Höhe entspricht er dem Arbeitslosengeld zuzüglich 350 Euro. Nachzuweisen ist dafür ein tragfähiges Vorhaben, welches durch eine so genannte Fachkundige Stelle bescheinigt werden kann.

    Das bedeutet, dass auch die Agentur für Arbeit einen Businessplan nebst Finanzierungsplanung vorgelegt bekommen will. Die Anforderungen daran sind nicht so hoch, wie diejenigen des Bankers, aber immerhin muss der Gründer sich Gedanken gemacht haben. Der Zuschuss kann ggf. noch um 6 Monate verlängert werden.

  2. Förderung durch zinsgünstige Darlehen

    Ferner werden Gründungen durch subventionierte Darlehen gefördert. Diese haben günstige Zinsen und zum Teil eine tilgungsfreie Zeit. Dargestellt werden solche Kredite regelmäßig durch die KfW oder durch landeseigene Investitionsbanken.

    Notwendig ist dabei in der Regel IMMER eine „durchleitende” Bank. Viele Förderprogramme sehen aber KEINE Haftungsfreistellung der „durchleitenden” Bank vor. Das heißt, die Hausbank haftet bei Ausfall des Unternehmers. Damit die Bank dieses Ausfallrisiko minimiert, wird sie sich absichern wollen. Daher sind für solche Programme die üblichen Sicherheiten (zum Beipsiel Bürgschaften, Häuser oder Depots) notwendig und nachzuweisen. Und genau daran scheitert es auch regelmäßig.

Es gibt nur überschaubar wenige Programme, die den Banken zumindest eine 80 prozentige Haftungsfreistellung gewähren. Eines dieser Programme ist das so genannte Mikrodarlehen. Höchstbetrag ist 25.000 Euro, was in der Regel bei Kanzleiübernahmen oder Gründungen kleinerer Kanzleien ausreicht. Ähnlich angelegt ist das Startgeld der KfW. Es gibt noch eine Reihe landeseigener Programme, die sich immer wieder auch ändern. Einen nützlichen Überblick gibt eine Förderfibel der landeseigenen Investitionsbank.

Größere Vorhaben können auch über so genannte ERP-Kredite finanziert werden. Das kommt im Bereich der Kanzleifinanzierung weniger häufig vor. Hier werden maximal 500.000 Euro finanziert und die durchleitende Bank ist von der Haftung freigestellt.

Mithin bieten Hausbanken aber auch eigene Finanzierungsmöglichkeiten an, die mit den staatlichen Programmen mithalten können.

Liquiditätssicherung

In jedem Fall muss geprüft werden, in welcher Höhe dem Geschäftskonto eine Kontokorrentlinie eingeräumt werden sollte. Wie bemisst man dies? Ausgangspunkt hierfür ist die Tatsache, dass Mandanten Rechnungen häufig nicht sofort begleichen. Oftmals ziehen sich Prozesse auch in die Länge, so dass es dadurch schon ein „time-lag” zwischen Leistungserbringung und Bezahlung gibt.

Je nach individueller Ausgestaltung des Geschäfts sollten die Kosten zwei bis drei Monate gedeckt werden können, ohne oder mit entsprechend weniger Einnahmen. Als „Daumengröße” kann dies zur Berechnung der KK-Linie angesetzt werden. Bei einer vernünftigen Liquiditäts- und Rentabilitätsplanung ergibt sich die Spitze der Negativbelastung aus den kumulierten Monatsergebnissen.

Ist der Breakeven erreicht, sollten ZWINGEND 20 - 30 % der Umsätze (ohne USt) als Steuerrücklage weggelegt werden. Die Steuernachzahlungen können wie ein Hammer von oben kommen. Warum? Nun, das liegt an der zeitverzögerten Berechnung der Steuerschuld.

Ein Beispiel: Als Anwalt erstellen Sie zunächst eine Einnahme-Überschuss-Rechnung für das abgelaufene Jahr 2009 bis spätestens zum Ende des darauffolgenden Jahres - also 2010.

Fällt diese deutlich positiv aus, passiert folgendes: Der Steuerbescheid ergeht Ende 2010, vielleicht aber auch erst 2011.

Er enthält eine Nachzahlung für 2009 und eine Aufforderung die Vorauszahlungen (das ist bei Selbständigen die vierteljährliche Zahlung der geschätzten Steuerschuld für das laufende Jahr) für 2010 nachzuzahlen und im dümmsten Fall auch noch für 2011. Somit hat man locker 2,5 Jahressteuern zu zahlen und das hat in der Vergangenheit schon viele ins Schleudern gebracht.

Nützlich ist es von Anfang an einen Steuerberater ins Boot zu holen. Man „erkauft” sich nicht nur Freizeit, sondern nutzt unter Umständen auch noch die Möglichkeiten der Steuerverschiebung durch Ansparabschreibungsmöglichkeiten besser.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass sowohl die Existenzgründung als auch die Existenzerhaltung gut geplant werden müssen. Der wichtigste Aspekt ist dabei die Liquiditätssicherung. Selbständige haben häufig darunter zu leiden, dass die Einnahmen äußerst unregelmäßig fliessen.

Dies alles muss vernünftig dargestellt werden, wenn man eine Fremdfinanzierung will. In jedem Fall aber muss es vernünftig durchdacht werden. Hilfe bieten sicherlich Existenzgründungsberater, wobei es sich empfiehlt, sich die Kenntnisse von spezifischen Problemstellungen bei Juristen durch Referenzen nachweisen zu lassen.

Autor:
Peggy Schmidt
MLP - Existenzgründungsberatung
Abteilung Rechtsanwälte & Steuerberater


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